Ars oblivionis
Sena Başöz
1. November – 12.Dezember 2020

 

 

Ars oblivionis. Sena Başöz – Metaphern der Erinnerung

Eröffnung: Samstag, 31. Oktober 2020, 16:00-19:00

1. November – 12. Dezember, Samstag 16:00-18:00 und nach Vereinbarung

Sena Başöz (Istanbul) beschäftigt sich mit der mnemotechnischen Funktion von Kunst. Während ihrem zweimonatigen Aufenthalt in Basel wird sie sich u.a. mit transkultureller Erinnerung auseinandersetzen.

Ihre Arbeiten konzentrieren sich auf die Bedingungen der Aktivierung institutioneller Archive und fragen gleichzeitig was mit den persönlichen Archiven, Geschichten und dem angesammelten Wissen geschieht, die nicht in den institutionellen Bereich passen. Sie untersucht Heilungsprozesse nach Fällen von Trauma. In letzter Zeit hat sie sich auf Themen wie Tod, Regeneration, Erneuerung und Befreiung fokussiert. Die Erneuerungsprozesse des Organismus und das Gleichgewicht, das die Natur langfristig erhält, bilden den Stoff der Erzählungen, die sie in ihren Arbeiten einsetzt.

Kleine Veränderungen, die sich in der Struktur der Turbulenzen bilden, können zu einer größeren Veränderung in der Zeit führen. Durch ihre Arbeit erforscht die Künstlerin die Auswirkungen von Naturelementen wie Wind und Wasser, die Turbulenzen verursachen und dessen Potential. Sena Başöz möchte das Gewässer des Rheins und seine Flora als Metapher für ihre Arbeit untersuchen. Sie wird ihre Arbeitsergebnisse in einer ortsspezifischen Installation in der Ausstellung Ars Oblivionis als Erinnern und Vergessen zusammenführen.

Das Projekt wird dank der Förderung durch SAHA Association in einer Publikation dokumentiert und reflektiert.

Sena Başöz‘ Aufenthalt wird von artlink SüdKulturFonds https://www.artlink.ch/de/aktuell.html und SAHA Association, welche das zeitgenössische Kunstschaffen aus der Türkei fördert, http://www.saha.org.tr  unterstützt – herzlichen Dank!

Unser Dank gilt Metin Kahraman.

 

Ars Oblivionis. Metaphern der Erinnerung

Sena Başöz beschäftigt sich mit der mnemotechnischen Funktion von Kunst. Während ihres zweimonatigen Aufenthaltes im Herbst 2020 als Artist in Residence bei lotsremark Projekte in Basel hat sie sich mit Fragen transkultureller Erinnerung auseinandergesetzt.

Die Arbeiten der in Istanbul lebenden Künstlerin konzentrieren sich auf die Bedingungen der Aktivierung institutioneller Archive und fragen gleichzeitig, was mit den persönlichen Archiven, Geschichten und dem angesammelten Wissen geschieht, die nicht in den institutionellen Bereich passen. In letzter Zeit hat die Künstlerin sich auf Themen wie Tod, Regeneration, Erneuerung und Befreiung fokussiert. Heilungsprozesse nach Fällen von Trauma stehen im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen. Erneuerungsprozesse des Organismus aber auch das Gleichgewicht, das die Natur langfristig erhält, bilden den Stoff der Erzählungen, die sie in ihren Arbeiten einsetzt.

In Basel untersuchte Sena Başöz das Gewässer des Rheins als Metapher für ihre Arbeit. Durch ihre Arbeit erforscht die Künstlerin die Auswirkungen von Naturelementen wie Wind und Wasser, die Turbulenzen verursachen und dessen Potenzial. Die Künstlerin spielt mit dem Erinnern und dem Vergessen und präsentierte ihre Arbeitsergebnisse in der ortsspezifischen Installation Ars Oblivionis.

Während der Liste Art Fair 2019 in Basel, begegneten wir an der Präsentation des Kunstraums Depo Istanbul Sena Başöz in ihrer Installation Forough. Ein Ventilator belebte die in mehreren Reihen angeordneten, auf Transparentpapier gedruckten Köpfe von rund 300 Vögeln und liess diese im Raum ‘flattern’. Die Portraits stammen von ausgestopften Vögeln aus der Sammlung des Naturkundemuseums der St. Joseph High School in Istanbul. Die mittlerweile zum Teil ausgestorbenen Vögel wurden von der Künstlerin fotografiert, indiziert und neu inszeniert. Diese künstlerische Umsetzung mit dem Archivmaterial weckte unser Interesse und war der Auslöser dafür, das Projekt Ars Oblivionis mit ihr als Artist in Residence und als Ausstellung zu entwerfen.

Im November 2019 kam Sena Başöz nach Basel, um ihren Aufenthalt für 2020 vorzubereiten. Die Ausgangslage war eine Einladung nach Basel, damit die Künstlerin sich mit der lokalen Bevölkerung und deren persönlichen Archiven auseinandersetzen konnte. Die gestalterische Umsetzung blieb der Künstlerin überlassen und wir als Veranstalter haben nach Sponsoren gesucht, um dieses Projekt umzusetzen. Im Südkulturfonds fanden wir Unterstützung für die Unterkunfts- und Reisekosten. In der in Istanbul beheimateten Saha Association fanden wir schliesslich einen Partner, welcher der Künstlerin ein Honorar zahlte, sowie die daraus entstehende Publikation finanzierte. Als Veranstalter haben wir das Projekt begleitet und die übrigen zusätzlichen Kosten ausgeglichen. Geplant war, dass dem 8-wöchigen Aufenthalt in Basel eine 6-wöchige Ausstellung folgen sollte. Sowohl der Aufenthalt als auch die Ausstellung fanden im Kunstraum lotsremark Projekte vom 15. September bis 12. Dezember 2020 statt.

Am 16. September 2020 startete die Produktion mit den Videoaufnahmen am Rhein. Während die Künstlerin die Kamera führte, wurde von einer Assistenz mit verschiedenen Kämmen die Wasseroberfläche des Gewässers in seiner Gegenfliessbewegung ‘gekämmt’. Am folgenden Tag fand eine erneute Aufnahme statt. Aus diesem Material entstand das Video The Outline mit einer Länge von 1’39“. Im Video führt eine Hand einen Kamm in Gegenfliessbewegung eines Gewässers und erzeugt dadurch feine Turbulenzen. Winzige Veränderungen, die sich in der Struktur der Turbulenzen des Wassers bilden, können zu einer größeren Veränderung in den Formen und in der Zeit führen.

Ebenfalls im September 2020 startete die Serie der Interviews. Der erste Interviewkontakt ergab sich fast von selbst. Die Interviewpartner schlugen zumeist andere oder neue Interviewpartner vor. Daraus entstanden Interviews nach immer gleichem Schema anhand der immer gleichen Fragen. Die Tonaufnahmen wurden in Form zu Texten transkribiert und bildeten die Grundlage der Installation.

Die dazugehörige Installation enthält 16 Stangen mit weissen Fähnchen, die in gleichem Abstand zueinander platziert und in Form von Diagonalen zu den Videoprojektionen ausgerichtet waren. Um die Basis dieser Fahnenstangen wurden Textstreifen in Englisch und Türkisch drapiert, die aus den Interviews stammen, die die Künstlerin in Basel führte. Sie wurden als Textdokument auf DIN A1 gedruckt und manuell in gleich breite Streifen geschnitten. Diese Interviewauszüge verstehen sich als Gedächtnisspuren und als Schrift. Als eine Schrift, die nie als solche und niemals vollständig lesbar ist. Ihre Lesbarkeit ist durch die Dialektik von Bewusstsein und Erinnerungsspuren strukturiert. Ein Moment wird sichtbar gemacht und in den arrangierten Papierstreifen umschrieben.

Die dritte Komponente der Ausstellung war das Video The Box von 2018 mit einer Länge von 3‘31“. Hierbei streichen abwechselnd eine weibliche und eine männliche Hand durch das lange Haar einer Liegenden. Die Hand greift aus dem Haar organische Materialien wie Steine, Ästchen, Erde oder auch lebende Wellensittiche heraus. Der ungewöhnliche Akt der Sichtbarmachung enthält ein starkes Überraschungsmoment, das Spannung erzeugt und nach einem Ende der Erzählung verlangt. Doch dieses wird vorenthalten. Das Video läuft als Loop und die Geschichte wiederholt sich. Das in seiner Eigenschaft wachsende und zugleich fliessende Haar wird in den Metamorphosen des Ovid als Sinnbild für Verwandlung und Neuanfang verstanden und bildet so das Kontinuum in dieser sich wiederholenden Narration.

Horizontale, vertikale und diagonale Elemente bildeten ein räumliches Zusammenspiel und wurden im Ausstellungsraum inszeniert. Beide Videos wurden in dem abgedunkelten Raum an vertikale Flächen projiziert. Das Video The Outline erschien auf einem frei im Raum hängenden Transparentpapier mit den Maßen 70 x 100 cm. Das Video The Box lief mit 150 x 220 cm auf der Rückwand des Ausstellungsraumes. Während das Video des fliessenden Gewässers von der ursprünglichen Horizontalen in die Vertikale geführt wurde, funktionierte The Box als umgekehrte Inszenierung. Hier wird die Vertikale des fallenden Haars als Horizontale wiedergegeben. Im sozialen und kulturellen Kontext ist das Haar unser persönliches Archiv: Es enthält Aufzeichnungen über unsere DNA. Diesem natürlichen Wachstum des Haars, welches persönlicher Speicher oder Archiv ist, hat Sena Başöz den Fluss des Rheins als eine Metapher und ein Archiv von Basel gegenübergestellt. Sie hat die Attribute ausgetauscht. Sie versucht, den Fluss rückwärtszukämmen, um die Geschichte anders zu erzählen. Der Fluss enthält Erinnerungsspeicher und setzt gleich dem Haar Erinnerungen frei. Wenn man sich über eine ruhende Wasseroberfläche beugt, ermöglicht dies eine Selbstwahrnehmung. Durch Berührung der Oberfläche entstehen Wellenbewegungen, und das Bild wird undeutlich und verschwindet mit zunehmender Turbulenz des Wassers ganz. Erinnerung wird immer von der Gegenwart aus konstruiert. Damit Erinnerungen lebendig bleiben, müssen sie immer wieder aktualisiert und neu tradiert werden.

Für Sena BAŞÖZ ist die bereits erwähnte Installation Forough „ein fliegendes Archiv, das ein individuelles Leben darstellt, das eingeschränkt, unfrei oder verloren ist und auf ein einziges Foto reduziert wurde.“ Nicht nur das Verschwinden oder Aussterben ist Thema, sondern die Erinnerung an diese soll aktiviert werden, sodass Sena BAŞÖZ in ihrem Werk die Komponenten Erinnern und Vergessen zusammenführt.

In der Antike und im Mittelalter war der Akt des Schreibens zugleich Produktion und Eliminierung. Wenn ein Zeichen in eine Wachstafel geritzt wird, wird dabei die Oberfläche zerstört, und durch diesen Akt der Zerstörung wird eine lesbare Spur geschaffen. Das Objekt, das diese Spur herstellt, hatte eine runde und eine spitze Seite zum Löschen oder Ritzen. Der Stift führte zur Kanzlei, die dazu bestimmt war zu löschen, oder zu produzieren. Seit Entwürfe nicht mehr durchgestrichen werden, werden sie in lesbarem Zustand aufbewahrt und Streichungen wurden als mögliche Fälschung behandelt.
Das Auslöschen der Schrift, brachte diese aber nicht vollständig zum Verschwinden. Denn jede Tilgung hinterlässt eine Spur. Sie wurden von den Kanzleien nicht als Nebeneffekt der Schreibproduktion, sondern als für den Ablauf unverzichtbaren Schritt benutzt. Kein Dokument durfte die Kanzlei verlassen, ohne dass der Entwurf durch kreuzweises Durchstreichen unleserlich gemacht wurde. Das Kannelieren wurde so namengebend. 
Die Streichung verwandelte sich von einem Zeichen der Wahrheitsgarantie zu ihrem genauen Gegenteil: dem Hinweis für eine mögliche Fälschung. Mit Sinn für historische Ironie hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Berliner Firma, die Radiergummis herstellte eines ihrer Produkte Veritas genannt.

Der präparierte Radiergummi The Eraser von 2018 mit seiner Antenne ist ein Objekt mit einer dualen Funktion: das Radio, welches nach einem Sender sucht, versucht zu vergessen sowie gleichzeitig auch zu erinnern. Der Klang von The Eraser, ständig nach der richtigen Frequenz suchend, signalisiert, welchen Stellenwert unsere Erinnerungen haben und wie leicht sie verblassen. Um sich das Archiv nutzbar machen zu können, muss nach der richtigen Frequenz gesucht, diese gefunden und erreicht werden. Nicht zuletzt geht es auch darum, die in unterschiedlichen Zeiteinheiten existierenden Erinnerungen miteinander zu verbinden – Wie können persönliche Geschichten und Wissen, die in einer Flut von Informationen verloren oder vergessen wurden, als Teile eines Ganzen reaktiviert werden, fragt sich die Künstlerin?

Im Video A Consolation von 2020 sieht man im 1‘34“ dauernden Video-Loop Stränge des Neptungrases in Aufsicht gefilmt, die sich wie eine Unterwasserwiese im Rhythmus des Wassers bewegen. Die hochentwickelte Pflanzenspezies Posidonia Oceanica bildet im Mittelmeerraum die dominierende Seegrasart. Deren Form sieht geschreddertem Papier oder den geschnittenen Textstreifen in der Installation in Ars Oblivionis ähnlich. Die sich wiegenden Seegräser sind Archiv und Kreislauf zugleich. Als Archiv enthält jede einzelne Pflanze die Erinnerung und das Wissen an das Kollektiv. Als Kreislauf lösen sie sich von ihrem Unterwasserstandort, treiben weg, um an den Stränden Haufen aus Seegras zu bilden. Indem die Künstlerin ihr persönliches Archiv schreddert, nähert sie sich dem Prozess der Aktenvernichtung an. Es ist interessant, dass Papierschredder in Handbüchern über Büroausstattung nicht erwähnt werden und auch in historischen Abhandlungen über das Büro oder die Bürokratie nichts über deren Ursprung zu finden ist. Die Lücke bestätigt nur ihr Verschwinden aus dem Symbolischen, da Akten solange sie nicht geschreddert worden sind, in die symbolische Ordnung reintegriert werden können. Selbst wenn Akten kollektives Vergessen bewirken, zielen die Papiermassen doch noch immer auf eine totale Erfassung zum Zwecke der Erinnerung.

In ihren Werken spielt Sena Başöz mit Gedankenbildern und thematisiert sowohl Mnemotechniken als auch die mnemotechnische Funktion von Kunst. Auch während ihrem Aufenthalt in Basel hat sich die Künstlerin mit Archivierungs- und Erinnerungskulturen beschäftigt. Dabei standen die symbiotischen Verschmelzungen von Kulturen und ihre unterschiedlichen Narrative im Vordergrund. Wie verändert sich die Wahrnehmung der eigenen Kultur, wenn der Luftstrom der Herkunft unterbrochen wird? Wie verändert sich die Erinnerung daran? Was wird vergessen? Was geht verloren? Diese Ausgangslage bot Sena Başöz Material um eine ortsspezifische Installation zu schaffen. Was verschwunden und vergessen ist, kehrt als Erinnerung zurück – nicht in Form des Werkes selbst, sondern in der Erinnerung des Betrachters.

Der Prozess des Erinnerns läuft nicht linear, sondern assoziativ. In der Erinnerung bilden sich Kraftfelder und Beziehungsnetze aus. Jedes Erinnern überarbeitet. Es ändert Konsistenz, Format und die Bezüge. Erinnerung reproduziert nicht bloss, sie produziert. Wenn die Kunst der Lethe, der Göttin des Vergessens, auf die Kunst der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung trifft, können Prozesse einer Rückbesinnung auf die mnemotechnische Funktion der Kunst eingeleitet werden. Anders als die Avantgardebewegungen Pop Art und Nouveau Réalisme, die in Reaktion auf Warenlager oder Müllberge der Konsumgesellschaft Warenzeichen und den Abfall der Wegwerfgesellschaft in ihren Kunstwerken sammelten und bewahrten, so beschäftigt sich Sena Başöz in ihrem Werk mit Gedächtnismetaphorik, einer Weiterentwicklung der antiken Mnemotechnik mit neuen Metaphern und Denkbildern.

Der belgische Künstler Marcel Broodthaers, in dessen Werk Sena Başöz’ Referenzen gefunden hat, lotete die Grenzen zwischen den Künsten aus. Im Zusammenhang mit der weltweiten Studentenrevolution entwickelte Broodthaers 1968 seine kritische Konzeption des Musée d’Art Moderne, Département des Aigles dessen Kritik zielte damals nicht allein auf die bewahrende Funktion des Museums, sondern sie führte ihn in die angrenzenden Gebiete der Politik und Ideologiekritik.

Marcel Broodthaers’ fiktive Rekonstruktionen führen ins Reich der Erinnerung, wo Objektives und Subjektives, Wirklichkeit und Fiktion ineinander übergehen. Beispielsweise die Section Publicité ermöglicht eine breite Erkenntnis historischer Details und mnemonischer Akte, die eine eigentümlich aufklärerische Wirkung haben.

Etliche künstlerische Werke, die Gedächtnisarbeit thematisieren, bewegen sich im Rahmen gängiger Gedächtnismetaphorik. Da Bibliothek, Bildarchiv und Museum den Aspekt des Magazins oder Lagers mit dem Schrift-Medium verbinden, sind sie für Künstler, die sich mit dem Erinnern und Vergessen in ihrer Kunst auseinandersetzen, in besonderer Weise attraktiv. Zwei Grundmetaphern sind seit antiker Zeit bekannt: das Bild des Gedächtnisses sowohl als Magazin und auch als Schrift. Den Sammlern von Materialien stehen hierbei die Sicherer von Spuren und Texten gegenüber.

Gedächtnis-Figurationen bilden sich nicht auf dem Hintergrund der Zeit-Chronologie aus, sondern als Bewegungen zwischen den typologischen Orten und Räumen der Fremdheit und des Andersseins. Die lineare Schriftkritik trat hinter sich selbst zurück, um die eigene Struktur zu analysieren. Schliesslich wurden aus der Analyse dank einer anderen Einbildungskraft neue Bilder ermöglicht. Diese Reihe von Gesten ist nicht mehr in einer linearen Reihenfolge zu sehen. Die einzelnen Gesten lösen sich nicht ab und auf, sondern überdecken einander und greifen ineinander, sowie Stéphane Mallarmé es als Wegbereiter der modernen Lyrik in der Auflösung der linearen Hierarchie des Textes in seinem Gedicht Un coup de Dés zugunsten von Gleichzeitigkeit und Interpretationsvielfalt eingeführt hatte.

Beide Gedächtnismodelle verwenden räumliche Bilder der Vorstellung; in der Verschriftlichung und Selektion von Wörtern der Interviews wird das Sichern von Spuren sichtbar. Hinter der Deutung des Haars als Magazin und Archiv lässt sich das Materialsammeln finden. Doch kommt die Schrift-Metapher der Struktur und Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses weit näher als die architektonische Speicher-Metapher. Die Vorstellung des Magazins suggeriert, dass dort nichts verloren gehen kann und alles auf gleiche Weise zugänglich ist. Dies wird von Sena Başöz in ihrer Installation konterkariert. Die Interviews sind nur noch auf Textfragmente reduziert und somit kaum lesbar. Die Haare dienen als magischer Ort des Sichtbarmachens von Dingen und das Kämmen des Wassers eines Flusses weist auf die paradoxe Situation der Lückenhaftigkeit von Archiven hin. Denn es gibt kein Archiv, in dem nichts verschwindet, aber auch keines, das jemals vollständig wäre.

Sena Başöz hat in ihrem Werk Ars Oblivionis Archivierung und Erinnerungskulturen thematisiert und erweitert. Sie ist nicht beim klassischen Dokumentieren geblieben. Im Bewusstsein darum, dass das Archivieren ein endgültiges Verschwinden bedeuten kann und dass Sammeln und Archivieren sich paradoxerweise zu einem Vernichtungsakt entwickeln können, hat sie diesen Werkkomplex um die Ebene der sogenannten Traumabewältigung und Heilungsprozesse erweitert. Sie hat die Wahrnehmung des Betrachters auf den Blick der Zusammenhänge geleitet, der nicht Unterbrechungen und Differenzen, sondern den Blick auf Ordnungssysteme präferiert. So wie es in der Avantgarde-Praxis, in der mit ihrem aufklärerischen Anspruch dem produzierten Mythos nicht um Mythos in der Gegenwart zu legitimieren, sondern vielmehr um den totalisierenden Formen der Mythen von Spektakelkultur sowie Kulturindustrie, wenn auch nicht mehr Kritik und Negation, so denn zumindest noch den Widerstand der Gedächtnis-Arbeit entgegenzusetzen.